International Eurasian Institute for Economic and Political Research

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Kasachstan: Wirtschaftswunderland mit politischem Defizit

Mathias BRUGGMANN

Olboom und Rekorde beim Wirtschaftswachstums lenken das Augenmerk sowohl des Westens wie auch Chinas und Russlands immer starker auf Kasachstan.

HB. Das groBte Land Zentralasiens lockt nicht nur mit gewaltigen Rohstoffreserven, sondern setzt seine Petrodollars auch fur eine weitere Diversifizierung seiner Wirtschaft ein. Damit bietet der zweitgroBte Nachfolgestaat der Sowjetunion Anreize fur Maschinenbauer, Baufirmen, Dienstleister und Handelsketten bei ihrer Suche nach neuen Markten im Osten.

Zu wirtschaftlichen Erfolgen gesellt sich politische Stabilitat: Zwar hat der seit der Unabhangigkeit Kasachstans 1991 herrschende Prasident Nursultan Nasarbajew die Opposition in seinem Reich vor der Wahl am 4. Dezember wieder harter angepackt. Doch gilt das Land, das so groB ist wie Westeuropa, aber nur mit 15 Mill. Einwohnern besiedelt ist, noch als das liberalste in Mittelasien. Zugleich fordern aber immer mehr Kasachen, dass den Wirtschaftsreformen nun auch die politische Liberalisierung folgen soll.

Der wirtschaftliche Aufschwung ist vor allem in der neuen Hauptstadt Astana offensichtlich: Auch unter Flutlicht drehen sich hier die Baukrane und ziehen an 365 Tagen neue Gebaude hoch. Allein neun Prozent seines Staatsbudgets pumpt Kasachstan in den Ausbau der neuen Metropole, die einst als Dorf zum Ausgangspunkt der brutalen Stalinschen Neulandgewinnung wurde. Kritiker fragen sich , ob das Geld angesichts groBer Leerstande richtig angelegt sei und ob die Bau-Blase nicht bald platzt.

Nasarbajew aber lasst sich nicht beirren bei seinem Kurs, Kasachstan zum wichtigsten Land Mittelasiens auszubauen. "Das Land hat einen Raketenstart hingelegt, obwohl es als Rohstofflieferant der Sowjetunion mit dem Zerfall der UdSSR die schlechtesten Startbedingungen hatte", lobt ein westlicher Diplomat. Die Abwanderung vieler in Kasachstan lebenden Russen und Ukrainer sowie hunderttausender Deutschstammiger in die alte Heimat hatten zusatzlich Lucken gerissen. "Rigideste Reformen" aber hatten zum Erfolg gefuhrt. So ist die Inflation von uber 1000 auf sieben Prozent gesenkt worden und statt Zahlungsunfahigkeit der Rentenkassen gibt es in Kasachstan als erstem der postsowjetischen Republiken private Pensionsfonds (bisher 16, die inzwischen immerhin 4,3 Mrd. Dollar anlegen).

Sogar Russland, dem ansonsten oft uberheblichen groBen Nachbarn im Norden, ringen die kasachischen Erfolge Anerkennung ab: "Zwischen 1998 und 2004 betrug das Wachstum des kasachischen Bruttoinlandsprodukts durchschnittlich pro Jahr 10,4 Prozent. Das russische hingegen nur 6,5 Prozent", sagt Andrej Illarionow, Wirtschaftsberater des russischen Prasidenten Wladimir Putin. "Kasachstans Erfahrungen sind so ein Vorbild auch fur Russland", denn "die Kasachen haben Reformen umgesetzt, uber die wir Russen immer nur reden."

So hat Kasachstan heute international anerkannt nicht nur das effizienteste Bankensystem aller GUS-Staaten. Auch bei den auslandischen Direktinvestitionen pro Einwohner liegt das mittelasiatische Land mit Abstand vorn. Insgesamt summieren sie sich seit 1993 auf gut 30 Mrd. Dollar. Da aber die Masse der Investitionen noch immer in den Ol- und Gassektor sowie die Kupferindustrie flieBt, will die Regierung mit entsprechenden Programmen die Wirtschaft diversifizieren. Allerdings mussten nicht nur die verarbeitende Industrie und das Dienstleistungsgewerbe gestarkt werden, sondern Kasachstan musste auch von einer anderen GeiBel erlost werden, fordern Unternehmensvertreter: Denn selbst Nasarbajew raumt ein, dass es nicht angehe, dass zehn weitgehend staatlich kontrollierte Konzerne 80 Prozent der kasachischen Wirtschaft dominierten.

Die Osteuropaforderbank EBRD stellt Kasachstan ein widerspruchliches Zeugnis aus: "Sichtbaren Erfolg gibt es bei marktwirtschaftlichen Reformen, wahrend die politischen Reformen schleppender verlaufen und hinter den Anforderungen der Wirtschaft zuruck bleiben." Dabei ist erklartermaBen Kasachstans groBes politisches Ziel, 2009 die Prasidentschaft der Organisation fur Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) ubertragen zu bekommen. Gerade deshalb mahnen westliche Beobachter in Astana dringend freie und faire Wahlen an, die es laut Urteil von Wahlbeobachtern in dem Land seit der Unabhangigkeit noch nie gegeben habe.

"Wie kann Kasachstan als Insel zwischen Russland und China eine westliche Demokratie sein?", fragt Prasidentenberater Jermuchamet Jertysbajew. "Demokratie braucht ein solides okonomisches Fundament, sonst mundet sie im Chaos." Die wirtschaftlichen Grundlagen hat Kasachstan allerdings inzwischen geschaffen. Zudem hat Nasarbajew kurzlich versprochen, dass den wirtschaftlichen Reformen nun politische folgen werden.

Das Nachbarland Kirgisien ist fur die kasachische Elite das abschreckende Beispiel, wohin der von Nasarbajew-Gegnern kritisierte uberbordende Reichtum der Herrscher-Familie und mangelnde politische Opposition im Parlament fuhren konnen: Dort wurde Prasident Askar Akajew zu Ostern von einer Revolution aus Amt und Land gefegt. Kasachen-Chef Nasarbajew hatte als Reaktion darauf die Schrauben fur die Opposition allerdings scharf anziehen lassen. Will er aber die OSZE-Prasidentschaft bekommen, muss er sich an die demokratische Spielregeln halten.

HANDELSBLATT, Freitag, 02. Dezember 2005, Astana

 

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