Kazakhstan
"Farbige Revolutionen" auch in Zentralasien?
Im Marz ist der
kirgisische Prasident Askar Akajew aus dem Land gejagt worden. Er hatte lange regiert und
galt einst als demokratischer Hoffnungstrager. Der Umsturz wird nach dem Muster der
"Rosen- Revolution" in Georgien vom November 2003 und der "orangen
Revolution" in der Ukraine vor einem Jahr als "Tulpen-Revolution"
bezeichnet. In allen drei Landern wurden die Machthaber nach gefalschten Wahlen von einer
Protestbewegung zum Rucktritt gezwungen. Durch die Revolte in Kirgistan sei ganz
Zentralasien aufgewacht, meinte eine usbekische Oppositionelle, die in einem Anflug von
Euphorie gar eine Stimmung wie im kommunistischen Ostmitteleuropa vor der Wende von 1989
zu spuren glaubt. Wahlen haben sich in den letzten Jahren fur die autoritaren Herrscher im
postsowjetischen Raum tatsachlich als heikel erwiesen. Die nachsten finden in Kasachstan
statt. Steht dem grossten Land Zentralasiens ebenfalls eine sogenannte farbige Revolution
bevor?
Auch der
kasachische Prasident Nursultan Nasarbajew hat, wie alle seine zentralasiatischen
Amtskollegen, seine Macht immer mehr ausgeweitet. Seit 1991, als das Land in der Folge des
Zerfalls der Sowjetunion unabhangig wurde, steht der fruhere kommunistische Parteichef an
der Spitze des Staates. Nasarbajew pflegt einen autoritaren Herrschaftsstil, auch wenn der
Spielraum fur die Opposition grosser ist als anderswo. Wie uberall in der Region
grassieren in Kasachstan Vetternwirtschaft, Klientelismus und Korruption. Politische und
wirtschaftliche Macht sind eng miteinander verflochten. In gleicher Weise wie die andern
sowjetisch gepragten Herrscher ist Nasarbajew durchdrungen von der Idee, dass das Land
allein nach seinen Vorgaben geformt werden muss.
Dennoch gibt es
in Kasachstan kaum Anzeichen fur eine "farbige Revolution". Es geht der
Bevolkerung besser als etwa in Kirgistan. Das kaspische Ol bringt Geld in die
Staatskassen, von dem nicht nur die Herrschenden und ihre Gunstlinge profitieren. Die
Wachstumsraten sind hoch, das Ausland investiert. Nasarbajew geniesst eine gewisse
Popularitat. Das hat ihn allerdings nicht daran gehindert, in den letzten Monaten der
Opposition und regierungsunabhangigen Organisationen immer neue Hindernisse in den Weg zu
legen. Offenbar will er jene Krafte zuruckbinden, die in Georgien und in der Ukraine
Trager der Protestbewegung waren.
Anders als in
den ostmitteleuropaischen Landern gibt es in Kasachstan uberhaupt keine demokratische
Tradition. Das gilt fur ganz Zentralasien. Hinzu kommt, dass die meisten Regimegegner
einst selbst der Machtelite angehort hatten. Im Gegensatz zu Georgien und der Ukraine
fehlen uberall in Zentralasien charismatische Oppositionsfuhrer, die in der Lage waren,
die Unzufriedenen zu mobilisieren. Auch dort, wo die Opposition nicht vollig unterdruckt
wird, ist sie meist schwach, zersplittert und in der Bevolkerung wenig verankert. Die
politischen Gegner Nasarbajews fuhlen sich zudem von Westeuropa und den Vereinigten
Staaten im Stich gelassen, fur die Kasachstan wegen seiner immensen Ol- und Gasreserven
von grosser strategischer Bedeutung ist. Nasarbajew werde deshalb, so lautet der Vorwurf,
mit Samthandschuhen angefasst.
In Kirgistan ist
zwar Prasident Akajew gesturzt worden. Doch es war kein spontanes Aufbegehren der
Bevolkerung gegen Machtmissbrauch und Korruption, wie das teilweise in der Ukraine und in
Georgien der Fall gewesen war. Es war weniger eine Revolution als vielmehr ein Putsch von
Clans aus dem Suden, die ihre Anhanger mobilisierten. Viele Demonstranten waren bezahlte
Soldner. Uberraschend war, wie schnell Akajew die Segel strich und sich die Staatsmacht
aufloste. Der Widerstand gegen das im Norden verankerte Regime hatte im Suden begonnen,
der sich vernachlassigt fuhlte.
Das Fazit der
sogenannten Tulpen-Revolution ist ernuchternd. Noch immer ist das Land instabil.
Parlamentsabgeordnete werden ermordet, kriminelle Gruppen fordern offen die Staatsmacht
heraus. Die Regierung stosst beim Versuch, Recht und Ordnung durchzusetzen, auf grosse
Schwierigkeiten. Es hat bisher kein politischer Wandel stattgefunden, sondern nur ein
Wechsel der Politiker. Der Gegensatz zwischen dem - auch geographisch durch hohe Berge
getrennten - industrialisierteren Norden und dem landwirtschaftlich gepragten, armeren
Suden ist nicht kleiner geworden. Der neue Prasident Kurmanbek Bakijew, der aus dem Suden
stammt, und sein im Norden popularer Regierungschef Felix Kulow sind zwar ein Zweckbundnis
zur Wahrung der Einheit des Landes eingegangen. Sollte es jedoch in die Bruche gehen,
konnte das Land endgultig in der Anarchie versinken.
Duster
prasentiert sich die Lage in Usbekistan, wo der unberechenbare Despot Islam Karimow im Mai
in Andischan einen Aufstand blutig niederschlagen liess. Dabei sind Hunderte von
Demonstranten getotet worden. Das Regime kennt nur eine einzige Antwort auf offentliche
Ausserungen von Unzufriedenheit, namlich Repression. Die Unterdruckung jeglicher
Opposition, auch der gemassigten, rechtfertigt Karimow mit dem Kampf gegen islamistische
Terroristen, die angeblich vom Ausland gesteuert werden. Damit verschliesst er sich der
Notwendigkeit, den wachsenden Unmut der Bevolkerung uber die miserable Wirtschaftslage in
politische Bahnen zu lenken. Indem er alle Kritiker in die islamistische Ecke drangt,
leistet er nur der Radikalisierung Vorschub.
Nach der
Niederschlagung des Aufstandes in Andischan hat Usbekistan eine aussenpolitische
Kehrtwende vollzogen. Nachdem das Regime zuvor im Zuge der strategischen Partnerschaft mit
Washington auf Distanz zu Moskau gegangen war, hat es sich erneut Russland zugewandt.
Moskau kummert sich nicht um die Einhaltung der Menschenrechte und ubt auch keine Kritik
an Wahlfalschungen. Das Gleiche gilt fur China, das ebenso wie Russland bemuht ist, seinen
Einfluss in der rohstoffreichen Region auszuweiten. Moskau und Peking haben denn auch die
Version des usbekischen Regimes uber die Ereignisse in Andischan sogleich ubernommen.
Diese lautet, dass es sich um eine von langer Hand vorbereitete islamistische Verschworung
zum Sturz der verfassungsmassigen Ordnung gehandelt habe. Russland nutzte die Gunst der
Stunde und hat sich kurzlich in einem Beistandspakt gar verpflichtet, Usbekistan im Falle
einer Bedrohung auch militarisch zu helfen. Moskau ist zur Schutzmacht Usbekistans
aufgestiegen.
Ganz anders
reagierten die Vereinigten Staaten auf das Blutbad von Andischan. Sie forderten eine
unabhangige Untersuchung und verargerten damit das usbekische Regime. Die Amerikaner
mussten daraufhin ihren Militarstutzpunkt in Usbekistan raumen, den sie nach dem 11.
September 2001 zur Unterstutzung ihrer Truppen im Kampf gegen die afghanischen Taliban und
die Kaida eingerichtet hatten. Geblieben ist ihnen die Militarbasis im benachbarten
Kirgistan. Doch gerade die Abwendung vom Westen und die Abschottungspolitik konnten den
Widerstand gegen Karimow in der herrschenden politischen Elite anheizen.
Die
Haufung von Protestkundgebungen in jungster Zeit zeigt, wie bruchig und trugerisch die
Stabilitat in Usbekistan ist. Sie beruht, anders als in Kasachstan, in erster Linie auf
Repression. Die Gefahr einer gewaltsamen Entladung der Spannungen ist deshalb gross.
Sollte es dazu kommen, ware die Farbe der usbekischen Revolution wohl Rot, die Farbe des
Blutes.
Neue Zurcher Zeitung, 3 Dezember 2005
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